
Ratgeber: S
Statische Regalsysteme nach dem „Person-zur-Ware“ (PzW) Prinzip
Inhaltsverzeichnis
- Definition: Statische Regalsysteme nach dem „Person-zur-Ware“ (PzW) Prinzip
- Funktionsweise und typische Regaltypen im PzW-Betrieb
- PzW aus Sicht der Kontraktlogistik (3PL)
- Anforderungen an die Logistikimmobilie und Hallenplanung
- Wirtschaftlichkeit und Grenzen des PzW-Prinzips
- Fragen und Antworten (Q&A) zu statischen PzW-Systemen
- Fazit: Die anhaltende Dominanz statischer PzW-Systeme
Definition: Statische Regalsysteme nach dem „Person-zur-Ware“ (PzW) Prinzip
Der Begriff Statische Regalsysteme bezeichnet Lagerlösungen, bei denen die Regaleinheiten selbst ortsfest montiert sind. Im Gegensatz zu dynamischen Systemen (wie Verschiebe- oder Umlaufregalen) bewegt sich die Lagereinheit nicht.
Das „Person-zur-Ware“-Prinzip (PzW), oft auch als "Mann-zur-Ware" bezeichnet, beschreibt die Methode der Kommissionierung. Hierbei bewegt sich der Lagermitarbeiter (Kommissionierer) physisch zum Lagerort der Ware – sei es zu Fuß, mit einem Kommissionierwagen oder mittels eines Flurförderzeugs (FFZ) – um die Artikel für einen Auftrag zu entnehmen (zu "picken").
Die Kombination aus statischen Regalen und dem PzW-Prinzip ist die global am weitesten verbreitete und klassische Form der Lagerhaltung und Kommissionierung. Sie steht im direkten Gegensatz zum „Ware-zur-Person“-Prinzip (WzP), bei dem automatisierte Systeme (z.B. ein Automatisches Kleinteilelager, AKL) die Ware zum stationären Mitarbeiter bringen.
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Funktionsweise und typische Regaltypen im PzW-Betrieb
Im PzW-Betrieb ist der Kommissionierer der zentrale Akteur. Der Prozess, gesteuert durch ein Lagerverwaltungssystem (LVS) oder mittels Pickliste, umfasst typischerweise folgende Schritte:
- Auftragsstart: Der Kommissionierer erhält den Auftrag (z.B. via MDE-Gerät, Pick-by-Voice oder Pick-by-Light).
- Weg zum Lagerort: Der Mitarbeiter bewegt sich zum ersten Lagerplatz (Regalfach).
- Entnahme (Pick): Der Artikel wird in der vorgegebenen Menge entnommen.
- Quittierung: Der Pick wird im System bestätigt.
- Transport: Der Mitarbeiter fährt oder geht zum nächsten Pick-Platz oder zum Warenausgang/Konsolidierungsplatz.
Der dominierende Faktor für die Effizienz dieses Systems ist die Wegzeit, die oft 50 % bis 70 % der gesamten Kommissionierzeit ausmacht.
Die gängigsten statischen Regalsysteme, die für PzW optimiert sind:
- Fachbodenregale: Das klassische Regalsystem für die manuelle Kommissionierung von Kleinteilen (SKUs), die von Hand gegriffen werden können. Üblich in E-Commerce-Lagern oder für C-Teile-Management.
- Palettenregale (Breit- oder Schmalgang): Das Standardregal für die Lagerung von Europaletten oder Gitterboxen. Der PzW-Prozess findet hier meist "mannhoch" (für Anbruchkartons) oder mittels FFZ statt (z.B. Hochregalstapler, Schmalgangstapler), wobei der Fahrer (die Person) zur Ware (Palette) fährt.
- Kragarmregale: Statische Systeme zur Lagerung von Langgut (Rohre, Platten, Holz), bei denen der Mitarbeiter ebenfalls zum Regal fährt, um das Material zu entnehmen.
PzW aus Sicht der Kontraktlogistik (3PL)
Für Kontraktlogistikdienstleister (3PL) ist das PzW-Prinzip in statischen Regalen oft die strategische Wahl, selbst wenn automatisierte WzP-Systeme höhere Pickleistungen versprechen. Die Gründe liegen in den spezifischen Anforderungen des 3PL-Geschäfts:
- Maximale Flexibilität: 3PLs managen oft heterogene Kunden (Mandanten) mit stark unterschiedlichen Artikelstrukturen (SKUs), Volumenschwankungen und Saisonalitäten. Statische PzW-Systeme können schnell an neue Sortimente angepasst werden. Ein Fachbodenregal lässt sich leichter umkonfigurieren als ein AKL.
- Skalierbarkeit (Personal): Bei PzW ist die Leistung direkt an den Personaleinsatz gekoppelt. Auftragsspitzen (z.B. Black Friday) können durch die kurzfristige Erhöhung der Mitarbeiterzahl (oft durch Zeitarbeit) abgefangen werden. Automatisierte Systeme haben eine feste Obergrenze (den "Flaschenhals" der Mechanik).
- Niedrige Investitionskosten (CAPEX): Die Anfangsinvestition in Regale und Standard-FFZs ist deutlich geringer als in komplexe Automation. Dies ist bei 3- bis 5-jährigen Logistikverträgen entscheidend, da sich die Investition (ROI) in diesem Zeitraum amortisieren muss. Die Kosten verlagern sich auf die variablen Betriebskosten (OPEX), primär das Personal.
In der Kontraktlogistik wird die Effizienz von PzW daher weniger durch Mechanik als durch ein exzellentes LVS (z.B. Multi-Order-Picking, wegeoptimierte Staplerleitsysteme) und gutes Personalmanagement gesteuert.
Anforderungen an die Logistikimmobilie und Hallenplanung
Die Entscheidung für ein statisches PzW-System hat direkte und fundamentale Auswirkungen auf die Spezifikationen der Logistikimmobilie (Halle):
- Bodenplatte: Dies ist oft der kritischste Punkt. Während Fachbodenregale geringe Anforderungen stellen, benötigen Palettenregale – insbesondere Hochregale oder Schmalganglager – extrem ebene Böden (nach DIN 18202 oder VDMA-Richtlinie) und eine hohe Punktlastfähigkeit, um das Setzen der Regalfüße und die dynamischen Lasten der FFZs aufzunehmen.
- Hallenhöhe (UKB): Die Nutzhöhe (Unterkante Binder, UKB) definiert die Lagerkapazität. Moderne Logistikimmobilien werden oft mit 10 m bis 12,5 m UKB geplant, um 5–7 Palettenebenen im PzW-Betrieb (mittels Schubmast- oder Hochregalstapler) zu ermöglichen.
- Gangbreiten: Die Wahl des FFZ diktiert die Gangbreite und damit die Flächeneffizienz.
- Breitganglager (ca. 3,00 m – 4,50 m): Geringste Flächennutzung, aber hohe Flexibilität (Standard-Frontstapler).
- Schmalganglager (VNA) (ca. 1,70 m – 2,10 m): Hohe Flächen- und Raumnutzung, erfordert aber spezielle (und teure) Schmalgangstapler (oft induktiv oder schienengeführt) und stellt höchste Anforderungen an die Bodenebenheit.
- Technische Gebäudeausrüstung (TGA): PzW-Systeme erfordern eine durchgehende, schattenarme Beleuchtung innerhalb der Gänge. Bei Schmalganglagern oder Hochregalen ist oft eine spezielle Brandmelde- und Sprinklertechnik (z.B. ESFR oder In-Rack-Sprinkler) erforderlich, was die Immobilienkosten beeinflusst.
Wirtschaftlichkeit und Grenzen des PzW-Prinzips
Die Wirtschaftlichkeit von PzW-Systemen hängt stark vom Umschlag und der Artikelvielfalt ab.
Vorteile (Wirtschaftlichkeit):
- Niedrige Investitionskosten (CAPEX).
- Hohe Flexibilität bei Sortiments- und Volumenänderungen.
- Robustheit und geringe technische Störanfälligkeit (Ausfall eines Staplers stoppt nicht das Lager).
- Gut geeignet für sperrige, schwere oder "unhandliche" Artikel, die sich schlecht automatisieren lassen.
Herausforderungen und Grenzen (Kosten):
- Hohe Betriebskosten (OPEX): Die Personalkosten sind der dominante Faktor. Steigende Löhne und Personalmangel verschlechtern die Wirtschaftlichkeit im Vergleich zur Automation.
- Geringe Pickleistung: Ein manueller Kommissionierer erreicht im PzW-System (je nach Optimierung) etwa 80 bis 150 Picks pro Stunde. Automatisierte WzP-Systeme erreichen 600 bis 1.000 Picks/Stunde am Kommissionierplatz.
- Ergonomie: PzW ist physisch anstrengend (lange Gehwege, Bücken, Heben). Dies führt potenziell zu höheren Krankenständen und erfordert ergonomische Gestaltung (z.B. Vermeidung von Boden- oder Überkopflagerplätzen für Schnelldreher).
- Flächenbedarf: Durch die notwendigen Verkehrswege (Gänge) ist die Flächeneffizienz (Lagerfläche vs. Verkehrsfläche) oft geringer als bei hochverdichteten automatisierten Systemen.
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Fragen und Antworten (Q&A) zu statischen PzW-Systemen
Frage: Ist das „Person-zur-Ware“-Prinzip nicht veraltet?Antwort: Nein. Obwohl die Automation (WzP) zunimmt, bleibt PzW die flexibelste und für viele Anwendungsfälle (z.B. geringer/mittlerer Umschlag, hohe Artikelvielfalt, volatile Nachfrage, Kontraktlogistik) die wirtschaftlichste Methode. Moderne Lager sind oft Hybride, die PzW für Langsamdreher und WzP für Schnelldreher kombinieren.
Frage: Wie kann die Effizienz eines PzW-Lagers gesteigert werden?Antwort: Primär durch Software und Prozessoptimierung, nicht durch die Regale selbst. Schlüsselfaktoren sind: (1) Ein gutes LVS zur Wegeoptimierung (z.B. "Schlangenlinie" durch die Gänge), (2) Batch-Picking (Multi-Order-Picking), (3) Einsatz von Pick-by-Scan oder Pick-by-Voice zur Reduzierung von Such- und Kontrollzeiten und (4) eine durchdachte ABC-Analyse bei der Einlagerung (Schnelldreher vorne).
Frage: Welche Rolle spielt die Logistikimmobilie bei der Umstellung von Breitgang auf Schmalgang (beides PzW)?Antwort: Eine entscheidende. Eine Umrüstung ist oft nicht trivial. Der Boden muss die extrem hohen Ebenheitsanforderungen für Schmalgangstapler erfüllen (Nachschleifen ist teuer). Eventuell muss eine Leitdraht-Induktivführung in den Boden eingelassen werden. Die Beleuchtung und die Sprinkleranlage müssen möglicherweise angepasst werden, da die Regale höher und dichter stehen.
Fazit: Die anhaltende Dominanz statischer PzW-Systeme
Statische Regalsysteme im PzW-Betrieb sind das Fundament der physischen Lagerlogistik. Während sie bei sehr hohem, standardisiertem Durchsatz an ihre Leistungsgrenzen stoßen, bleiben sie aufgrund ihrer unschlagbaren Flexibilität, Skalierbarkeit und niedrigen Investitionskosten unverzichtbar. Insbesondere in der Kontraktlogistik, die von wechselnden Kundenanforderungen lebt, und im E-Commerce mit seinen volatilen Spitzen, sichert das PzW-Prinzip die operative Handlungsfähigkeit. Der Erfolg dieses Systems hängt jedoch maßgeblich von der intelligenten Steuerung durch das LVS und der ergonomischen Gestaltung der Prozesse und der Logistikimmobilie ab.



