
Ratgeber: P
Pick-by-Light im Lager
Inhaltsverzeichnis
- Definition und Funktionsweise: Das optische Leitsystem im Detail
- Kennzahlen: Pickleistung und Fehlerquoten in der Praxis
- Pick-by-Light aus Sicht der Kontraktlogistik
- Auswirkungen auf die Logistikimmobilie und Hallenplanung
- Fragen und Antworten (Q&A) zur Technik
- Systemgrenzen und Alternativen
- Fazit: Wann lohnt sich der Einsatz?
Definition und Funktionsweise: Das optische Leitsystem im Detail
Pick-by-Light (PbL) ist ein belegloses Kommissionierverfahren, bei dem Kommissionierer durch optische Signale direkt am Lagerfach (Blickfangleuchten) geführt werden. Im Gegensatz zu statischen Listen oder mobilen Datenerfassungsgeräten (MDE), die den Blick des Mitarbeiters binden, leitet das PbL-System die Aufmerksamkeit unmittelbar auf das zu greifende Objekt.
Das System besteht hardwareseitig aus einer Fachanzeige pro Lagerplatz, die mindestens über eine signifikante Leuchte, eine numerische Mengenanzeige und eine Quittiertaste verfügt. Sobald ein Auftrag im Lagerverwaltungssystem (LVS) gestartet wird, leuchtet die Lampe am entsprechenden Entnahmefach auf. Das Display zeigt die zu entnehmende Menge an. Der Mitarbeiter entnimmt die Ware und bestätigt den Vorgang durch Drücken der Quittiertaste, woraufhin das Licht erlischt und die Bestandsbuchung in Echtzeit an das LVS gemeldet wird.
Die Kommunikation erfolgt meist über ein Bus-System, das an den Regalen installiert ist. Moderne Varianten erlauben Korrekturtasten (für Inventurdifferenzen) oder Farbcodes, um mehrere Kommissionierer gleichzeitig in einer Zone arbeiten zu lassen (Multi-User-Picking).

Kennzahlen: Pickleistung und Fehlerquoten in der Praxis
Für Logistikplaner sind die harten Fakten entscheidend. Pick-by-Light spielt seine Stärken vor allem in Schnelldreher-Zonen (A-Artikel) und bei hoher Pickdichte aus.
- Pickleistung: In optimierten Umgebungen sind 350 bis 550 Picks pro Stunde realistische Werte. In Hochleistungssystemen (z.B. Pharma-Großhandel) können Spitzenwerte von bis zu 800 Picks erreicht werden, abhängig von der Wegzeit zwischen den Fächern.
- Fehlerquote: Durch die visuelle Führung und den Zwang zur Quittierung am Fach sinkt die Fehlerquote drastisch. Werte von unter 0,1 % (weniger als 1 Fehler auf 1000 Picks) sind der Standard.
- Anlernzeit: Ein entscheidender Faktor für die Kontraktlogistik. Die Anlernzeit für neue Mitarbeiter beträgt oft nur 15 bis 30 Minuten, da das System sprachunabhängig und intuitiv funktioniert ("Folge dem Licht").
Pick-by-Light aus Sicht der Kontraktlogistik
In der Kontraktlogistik, die durch kurze Vertragslaufzeiten und schwankende Volumina geprägt ist, ist PbL ein zweischneidiges Schwert.
Vorteile: Die Bewältigung von saisonalen Peaks (z.B. Black Friday, Weihnachtsgeschäft) erfordert den Einsatz von Zeitarbeitskräften. Hier ist PbL unschlagbar, da keine langen Schulungen notwendig sind und keine Sprachbarrieren existieren (im Gegensatz zu Pick-by-Voice). Zudem ermöglicht die hohe Pickgeschwindigkeit eine effiziente Nutzung der Personalressourcen.
Herausforderungen: Kontraktlogistiker scheuen oft hohe Investitionskosten (CAPEX), wenn die Vertragslaufzeit nur 3 bis 5 Jahre beträgt. Ein klassisches, verkabeltes PbL-System ist teuer in der Anschaffung (Hardware pro Fach, Controller, Software-Integration). Endet der Vertrag oder ändert sich das Warensortiment drastisch (z.B. von Kleinteilen zu Palettenware), ist das System schwer anzupassen. Hier gewinnen neuere, kabellose Systeme (basierend auf WiFi oder Funktechnologie) an Bedeutung, da sie leichter demontiert und an neuen Standorten wiederverwendet werden können.
Auswirkungen auf die Logistikimmobilie und Hallenplanung
Die Integration eines Pick-by-Light-Systems hat direkte Auswirkungen auf die technische Gebäudeausrüstung (TGA) und die Nutzung der Lagerhalle.
- Verkabelung und Stromversorgung: Klassische PbL-Systeme benötigen Strom- und Datenleitungen an jedem Regalboden. Dies erfordert eine präzise Planung der Kabeltrassen von den Unterverteilungen zu den Regalgassen. Für den Immobilienentwickler bedeutet dies, dass ausreichend Anschlüsse im Decken- oder Bodenbereich vorgesehen werden müssen.
- Starrheit der Anlage: Eine mit PbL ausgestattete Regalanlage wird zur "Immobilie in der Immobilie". Die Regale können nicht mal eben verschoben werden, ohne die komplette Verkabelung zu lösen. Dies reduziert die Drittverwendungsfähigkeit der Hallenfläche, falls der Mieter auszieht.
- Beleuchtung: Da PbL auf Lichtsignalen basiert, muss die Hallenbeleuchtung so geplant sein, dass sie die Signalleuchten nicht überstrahlt, aber dennoch für Arbeitssicherheit sorgt. Blendfreie LED-Beleuchtung ist hier der Standard.
Fragen und Antworten (Q&A) zur Technik
Frage: Ist Pick-by-Light nur für Kleinteilelager geeignet?Antwort: Primär ja. Es wird meist in Durchlaufregalen oder Fachbodenregalen für Kartons und Kleinteile eingesetzt. Für Palettenlager ist es aufgrund der großen Distanzen und der geringen Pickdichte meist unwirtschaftlich, wenngleich technisch möglich (z.B. mit großen LED-Matrix-Anzeigen).
Frage: Was passiert bei einem Systemausfall?Antwort: Dies ist der wunde Punkt. Fällt der Bus-Controller aus, steht die Zone still. Moderne Systeme bieten Redundanz oder erlauben den schnellen Wechsel auf "Notfall-Listen". Die Hardware selbst ist jedoch sehr robust und wartungsarm.
Frage: Lässt sich PbL in bestehende Lager nachrüsten?Antwort: Ja, das sogenannte "Retrofitting" ist gängig. Besonders kabellose Systeme lassen sich einfach per Klick-Mechanismus an bestehende Regalschienen anbringen, ohne dass aufwendige Kabelarbeiten in der Hallenstruktur nötig sind.

Systemgrenzen und Alternativen
Trotz der hohen Geschwindigkeit ist Pick-by-Light nicht die Antwort auf alle Fragen. Die Investitionskosten pro Lagerplatz sind der größte Hemmschuh. Bei C-Artikeln (Langsamdrehern) lohnt sich die Installation einer Anzeige pro Fach wirtschaftlich kaum. Hier werden oft Hybrid-Lösungen eingesetzt: PbL für Schnelldreher, MDE oder Pick-by-Voice für den Rest des Lagers.
Zudem ist das System starr: Ändert sich die Fachgröße im Regal, müssen die Leisten physisch verschoben oder Software-seitig neu gemappt werden.
Fazit: Wann lohnt sich der Einsatz?
Pick-by-Light ist der "Sportwagen" unter den manuellen Kommissioniersystemen: Teuer in der Anschaffung, aber unschlagbar in der Beschleunigung auf kurzen Strecken. Für Logistikimmobilien-Entwickler bedeutet dies, flexible Versorgungsschächte einzuplanen. Für Kontraktlogistiker ist es die Lösung der Wahl bei hochfrequenten Kleinteilen und hohem Einsatz von ungelernter Arbeit, sofern der ROI (Return on Investment) innerhalb der Vertragslaufzeit darstellbar ist. Die Zukunft gehört dabei zunehmend kabellosen Systemen, die den Konflikt zwischen starrer Technik und flexibler Hallennutzung auflösen.



