
Ratgeber: P
Pick-by-Piece im Lager
Inhaltsverzeichnis
- Pick-by-Piece: Die Königsdisziplin der Feindistribution
- Prozesslogik in der Lagerlogistik: Der Kampf gegen die Wegezeit
- Die Sicht der Kontraktlogistik: Flexibilität vs. Automatisierung
- Anforderungen an die Logistikimmobilie und Halle
- Daten und Fakten: Kennzahlen im Fokus
- Häufige Fragen & Antworten (Q&A)
- Die Rolle der IT: WMS als Gehirn
- Fazit und Ausblick
Pick-by-Piece: Die Königsdisziplin der Feindistribution
Pick-by-Piece, zu Deutsch Einzelstückkommissionierung, bezeichnet den logistischen Prozess, bei dem einzelne Einheiten (Units) direkt aus einem Lagerplatz entnommen werden, um einen Kundenauftrag zusammenzustellen. Im Gegensatz zur Paletten- oder Kartonkommissionierung (Pick-by-Case) stellt dieses Verfahren die höchsten Anforderungen an die Granularität der Bestandsführung, die Ergonomie der Arbeitsplätze und die IT-Steuerung.
In der modernen Supply Chain ist Pick-by-Piece nicht mehr nur ein Thema für den klassischen Versandhandel. Auch in der B2B-Ersatzteillogistik und der Pharmabranche ist dieser Prozess Standard. Die Herausforderung liegt im Detail: Während eine Palette mit einem Gabelstapler bewegt wird, erfordert das einzelne Stück den "Griff in die Kiste" – manuell oder automatisiert.

Prozesslogik in der Lagerlogistik: Der Kampf gegen die Wegezeit
In der operativen Lagerlogistik ist Pick-by-Piece der kostenintensivste Bereich. Studien zeigen, dass bei konventionellen Methoden bis zu 50–60 % der Arbeitszeit eines Kommissionierers auf reine Wegstrecken entfallen. Nur ca. 10–20 % sind die eigentliche Entnahmezeit.
Um diese Ineffizienz zu bekämpfen, setzen Logistikplaner auf verschiedene Strategien:
- Person-zur-Ware (Man-to-Goods): Der klassische Weg. Optimierung erfolgt hier durch Technologien wie Pick-by-Voice, Pick-by-Light oder Pick-by-Vision (Datenbrillen). Diese Systeme führen den Mitarbeiter wegeoptimiert und erlauben das beidhändige Arbeiten (Hands-free).
- Ware-zur-Person (Goods-to-Person - GTP): Hier kommen automatische Kleinteilelager (AKL) oder Shuttle-Systeme zum Einsatz. Behälter fahren zu einem ergonomischen Arbeitsplatz. Die Pick-Leistung kann hier von ca. 60–100 Picks/Stunde (manuell) auf 400–600 Picks/Stunde (GTP) steigen.
Die Sicht der Kontraktlogistik: Flexibilität vs. Automatisierung
Für Kontraktlogistiker ist Pick-by-Piece ein zweischneidiges Schwert. Einerseits bieten E-Commerce-Fulfilment-Verträge hohe Margen, andererseits sind die Volumina extrem volatil (z. B. Black Friday Peaks).
- Skalierbarkeit: Ein rein manuelles Pick-by-Piece-System ist leichter skalierbar (Einsatz von Zeitarbeitern in Spitzenzeiten) als eine starre Vollautomatisierung.
- Abrechnungsmodelle: In der Kontraktlogistik wird oft auf Transaktionsbasis abgerechnet (Cost-per-Pick). Der Dienstleister muss also die Prozesskosten exakt kennen. Ein Pickfehler, der eine Retoure auslöst, kann den Gewinn von Dutzenden korrekten Picks vernichten.
- Technologie-Einsatz: Kontraktlogistiker setzen vermehrt auf AMR (Autonomous Mobile Robots). Diese Roboter unterstützen den Pick-by-Piece-Prozess, ohne dass teure Fördertechnik fest im Boden verankert werden muss. Dies schützt das Investitionsrisiko bei kurzen Vertragslaufzeiten.
Anforderungen an die Logistikimmobilie und Halle
Die Immobilie spielt bei Pick-by-Piece eine oft unterschätzte Rolle. Eine Standard-Logistikhalle ("Big Box") ist primär für Palettenregale ausgelegt. Für intensive Einzelstückkommissionierung gelten jedoch spezifische Anforderungen:
- Beleuchtung und Arbeitsklima: Da Pick-by-Piece sehr personalintensiv ist, müssen Arbeitsstättenrichtlinien strenger beachtet werden. Während in einem Hochregallager 150-200 Lux reichen, sind in Kommissionierzonen oft 300 bis 500 Lux sowie eine leistungsfähige Heizung/Lüftung erforderlich.
- Bodenbeschaffenheit: Für den Einsatz von Kommissionierrobotern oder AGVs (Fahrerlose Transportsysteme) muss der Industrieboden extrem eben sein (DIN 15185 oder VDMA-Richtlinien). Fugen und Unebenheiten führen zu Störungen bei sensiblen Robotern.
- Mezzanine-Ebenen: Um die Flächenproduktivität bei Kleinteilen zu erhöhen, werden oft mehrgeschossige Fachbodenregalanlagen (Pick-Towers) eingebaut. Die Logistikhalle benötigt hierfür eine ausreichende Punktlasttragfähigkeit der Bodenplatte (oft > 50 kN/m² bei Punktlasten der Stützen) und eine lichte Höhe von mind. 10 bis 12 Metern.
Daten und Fakten: Kennzahlen im Fokus
Um die Effizienz von Pick-by-Piece zu bewerten, sind folgende KPIs (Key Performance Indicators) essenziell:
| Kennzahl | Beschreibung | Zielwert (Benchmark) |
| Pick-Leistung | Anzahl entnommener Einheiten pro Stunde. | Manuell: 60-150 / Auto: 300-600+ |
| Pick-Fehlerquote | Anteil fehlerhafter Picks an Gesamtpicks. | < 0,1 % (Best-in-Class: < 0,01 %) |
| Durchlaufzeit | Zeit von Auftragseingang bis Warenausgang. | Same-Day (oft < 2 Stunden) |
| Füllgrad | Volumenutzung des Versandkartons. | Ziel: > 70 % (Vermeidung von "Lufttransport") |
Häufige Fragen & Antworten (Q&A)
Frage: Lohnt sich Automatisierung bei Pick-by-Piece immer?
Antwort: Nein. Bei sehr breiten Sortimenten mit vielen C-Teilen (Langsamdrehern) ist der manuelle Fachbodenregal-Pick oft wirtschaftlicher. Automatisierung (z.B. AutoStore oder Shuttle) rechnet sich meist bei hoher Pick-Dichte auf begrenztem Raum und im Mehrschichtbetrieb.
Frage: Wie verändert Pick-by-Piece die Anforderungen an den Brandschutz in der Halle?
Antwort: Massiv. Pick-Towers und enge Kunststoffbehälterlager verändern die Brandlast. Oft sind Regal-Sprinklerungen (In-Rack-Sprinklers) notwendig, da Decken-Sprinkler das Wasser nicht durch die dichten Ebenen der Mezzanine oder Behälterstapel bringen können.
Frage: Was ist Multi-Order-Picking?
Antwort: Um Wegezeiten zu sparen, kommissioniert ein Mitarbeiter bei Pick-by-Piece oft mehrere Aufträge gleichzeitig auf einen Wagen (Batch-Picking). Die Vereinzelung auf die Kundenaufträge erfolgt entweder direkt am Wagen oder später an einem Sorter.

Die Rolle der IT: WMS als Gehirn
Ohne ein leistungsfähiges Warehouse Management System (WMS) ist effizientes Pick-by-Piece unmöglich. Das WMS übernimmt die Wegeoptimierung (Traveling Salesman Problem) und die Bestandsreservierung. Besonders kritisch ist die "Nachschubsteuerung". Wenn der Kommissionierer vor einem leeren Fach steht, bricht der Pick-by-Piece-Prozess zusammen. Moderne WMS berechnen daher prädiktiv, wann ein Fach leer sein wird, und steuern Stapler schon los, bevor der Mangel entsteht.
Fazit und Ausblick
Pick-by-Piece wandelt sich von einer manuellen Tätigkeit zu einem hochtechnisierten Prozess. Die Logistikimmobilie der Zukunft muss für diese Granularität gerüstet sein – durch hochwertige Böden, Energieversorgung für Automation und menschengerechte Arbeitsumgebungen. Für Kontraktlogistiker und Händler bleibt die Balance zwischen Investitionskosten (Automation) und flexiblen Personalkosten der Schlüssel zum Erfolg. Wer die "Unit" beherrscht, beherrscht den Markt.



