
Ratgeber: P
Pick-by-Vision in der Lagerlogistik
Inhaltsverzeichnis
- Pick-by-Vision: Die Verschmelzung von Realität und Datenebene
- Funktionsweise und Systemarchitektur
- Effizienzsteigerung in der Lagerlogistik: Zahlen und Fakten
- Der Faktor Mensch: Ergonomie und Akzeptanz
- Bedeutung für die Kontraktlogistik: Flexibilität als Währung
- Anforderungen an die Logistikimmobilie und Hallen-Infrastruktur
- FAQ – Häufige Fragen aus der Praxis
- Zusammenfassung und Ausblick
Pick-by-Vision: Die Verschmelzung von Realität und Datenebene
Pick-by-Vision bezeichnet ein Kommissionierverfahren, bei dem Lagermitarbeiter mit einer Datenbrille (Smart Glasses) ausgestattet werden. Im Gegensatz zu statischen Verfahren wie Pick-by-Light oder akustischen wie Pick-by-Voice, werden dem Kommissionierer alle relevanten Informationen – Lagerplatz, Artikelmenge, Artikelbezeichnung und Navigationspfeile – direkt im Sichtfeld eingeblendet.
Technologisch basiert dies auf Augmented Reality (AR). Die Brille reichert die reale Umgebung mit virtuellen Zusatzinformationen an. Dies ermöglicht ein „Hands-free“-Arbeiten bei gleichzeitiger visueller Kontrolle, was die Methode besonders für komplexe, mehrstufige Pick-Prozesse (Multi-Order-Picking) qualifiziert.

Funktionsweise und Systemarchitektur
Das Herzstück ist die bidirektionale Kommunikation zwischen den Smart Glasses und dem Warehouse Management System (WMS) oder ERP-System.
- Auftragsübermittlung: Das WMS sendet den Pick-Auftrag via WLAN an die Brille.
- Visuelle Führung: Ein grafisches Interface (UI) zeigt dem Mitarbeiter den Weg und das Ziel.
- Verifizierung: Die Bestätigung erfolgt oft durch integrierte Barcode-Scanner in der Brille, Ring-Scanner am Finger oder (seltener) durch Gestensteuerung.
- Echtzeit-Abgleich: Nach dem Scan wird der Bestand im WMS sofort aktualisiert; Differenzen werden in Echtzeit gemeldet.
Effizienzsteigerung in der Lagerlogistik: Zahlen und Fakten
Der primäre Treiber für die Einführung von Pick-by-Vision ist die Prozessoptimierung. In der Praxis zeigen sich signifikante Verbesserungen gegenüber papierbasierten Listen oder Handheld-Scannern:
- Fehlerreduktion: Durch die direkte visuelle Bestätigung und den Scan-Zwang sinken die Pick-Fehlerquoten häufig auf unter 0,1 %.
- Geschwindigkeit: Suchzeiten werden durch visuelle Pfeile und Hervorhebungen eliminiert. Studien und Praxisanwendungen berichten von Leistungssteigerungen zwischen 15 % und 30 % im Vergleich zum Handscanner.
- Prozesssicherheit: Informationen sind nur dann sichtbar, wenn sie benötigt werden (kontextsensitiv), was die kognitive Belastung des Mitarbeiters senkt.
Der Faktor Mensch: Ergonomie und Akzeptanz
Ein häufig diskutierter Aspekt ist die Hardware-Ergonomie. Während frühe Modelle oft schwer waren und Überhitzungsprobleme hatten, wiegen moderne Industrie-Datenbrillen (z. B. von Vuzix, Google oder RealWear) heute oft weniger als 50 Gramm.
Kritische Fragen zur „Motion Sickness“ (Übelkeit durch AR) sind berechtigt, betreffen jedoch meist VR (Virtual Reality). Da bei Pick-by-Vision das reale Sichtfeld erhalten bleibt und Informationen nur statisch oder begleitend eingeblendet werden, ist die Akzeptanz bei korrekter Einstellung der Brille sehr hoch. Entscheidend ist hierbei ein individuell anpassbares „Monokular“ (Display vor nur einem Auge) oder binokulare Systeme, die weniger ermüden.
Bedeutung für die Kontraktlogistik: Flexibilität als Währung
Für Kontraktlogistiker, die oft mit saisonalen Schwankungen und hoher Personalfluktuation kämpfen, bietet Pick-by-Vision einen strategischen Vorteil: Die Anlernzeit.
Herkömmliche Verfahren erfordern oft tagelanges Training, bis Artikelstandorte und Terminal-Bedienung verinnerlicht sind. Bei Pick-by-Vision erfolgt die Führung intuitiv über Farben und Symbole.
- Onboarding-Effekt: Neue Mitarbeiter oder Zeitarbeitskräfte erreichen oft schon nach wenigen Stunden nahezu das Leistungsniveau der Stammbelegschaft.
- Sprachunabhängigkeit: Visuelle Symbole (grüner Pfeil, rote Menge) funktionieren sprachübergreifend, was in multikulturellen Teams Barrieren abbaut.
Anforderungen an die Logistikimmobilie und Hallen-Infrastruktur
Hier wird das Thema oft unterschätzt. Pick-by-Vision stellt spezifische Anforderungen an die Immobilie (Halle), die Facility Manager und Planer berücksichtigen müssen:
WLAN-Ausleuchtung (Illumination)
Dies ist der kritischste Faktor. Smart Glasses benötigen eine permanente Verbindung zum WMS.
- Problem: In Hochregallagern mit viel Stahl und Flüssigkeiten (Dämpfung) entstehen schnell Funklöcher.
- Lösung: Ein professionelles „Site Survey“ (WLAN-Ausleuchtungsmessung) ist Pflicht. Access Points müssen so platziert sein, dass auch in den Gängen (nicht nur darüber) volles Signal anliegt. Roaming (der Wechsel von einem Access Point zum nächsten) muss im Millisekundenbereich und ohne Abbruch erfolgen.
Beleuchtungssituation
Anders als bei Pick-by-Voice (wo Licht zweitrangig ist) oder Pick-by-Light (wo Displays leuchten), muss die Hallenbeleuchtung bei Vision mit der Brille harmonieren.
- Blendung: Zu grelle Punktstrahler können Reflexionen auf dem Prisma der Brille verursachen.
- Kameras: Die integrierten Kameras der Brillen benötigen ausreichend Lux (mindestens 300-500 Lux in Arbeitshöhe), um Barcodes schnell und ohne Verzögerung („Pumpen“ des Autofokus) zu erfassen.
Gangbreiten und Lagerlayout
Pick-by-Vision erfordert keine feste Installation am Regal (wie Pick-by-Light). Das macht es ideal für flexible Hallenlayouts oder Blocklager. Es ändert die Anforderungen an die Gangbreite nicht physisch, ermöglicht aber eine dichtere Lagerung, da keine festen Displays pro Fach gewartet werden müssen.

FAQ – Häufige Fragen aus der Praxis
Frage: Wie lange halten die Akkus der Brillen im Mehrschichtbetrieb?
Antwort: Moderne Brillen verfügen über externe Akku-Packs oder Hot-Swap-Funktionen (Tausch im laufenden Betrieb). Ein Akku hält typischerweise 8-10 Stunden, im intensiven Scan-Betrieb manchmal weniger, weshalb Wechselakkus zum Standard gehören.
Frage: Ist Pick-by-Vision für Kühlhäuser geeignet?
Antwort: Ja, aber mit Einschränkungen. Die Akkulaufzeit sinkt bei Kälte drastisch. Es werden spezielle, kälteresistente Hardware-Versionen benötigt. Zudem muss das Beschlagen des Displays bei Temperaturwechseln (Kühlhaus zu Vorzone) physikalisch verhindert werden.
Frage: Wie hoch sind die Investitionskosten im Vergleich?
Antwort: Die Initialkosten liegen höher als bei Handscannern (Hardwarepreis ca. 1.000€ - 2.000€ pro Brille plus Softwarelizenzen), aber deutlich niedriger als bei Pick-by-Light (wo jedes Regalfach Kosten verursacht). Der ROI (Return on Invest) wird meist innerhalb von 12 bis 18 Monaten durch die Produktivitätssteigerung erreicht.
Zusammenfassung und Ausblick
Pick-by-Vision hat den Status einer „experimentellen Technologie“ längst verlassen und ist eine etablierte Lösung in der modernen Intralogistik. Besonders in der Kontraktlogistik punktet das System durch die schnelle Skalierbarkeit der Belegschaft. Für Betreiber von Logistikimmobilien bedeutet der Einsatz, dass der Fokus weg von physischen Installationen am Regal hin zu einer perfekten digitalen Infrastruktur (High-Performance WLAN) rücken muss.
In Zukunft wird die Technologie weiter mit Künstlicher Intelligenz verschmelzen – etwa durch automatische Bestandserkennung (Bilderkennung statt Barcode-Scan) oder Wegoptimierung in Echtzeit basierend auf Verkehrsaufkommen in den Gängen.



