
Ratgeber: P
Pick-by-Scan im Lager
Inhaltsverzeichnis
- Pick-by-Scan: Das Fundament der digitalen Lagerlogistik
- Die technische Funktionsweise und Hardware-Evolution
- Prozessablauf: Fehlerminimierung durch Scan-Logik
- Pick-by-Scan in der Kontraktlogistik: Flexibilität als Trumpf
- Anforderungen an die Logistikimmobilie und Halle
- Daten und Fakten: Wirtschaftlichkeit im Fokus
- Glossar / FAQ: Häufige Fragen aus der Praxis
- Fazit und Ausblick
Pick-by-Scan: Das Fundament der digitalen Lagerlogistik
Pick-by-Scan ist das wohl am weitesten verbreitete Verfahren der beleglosen Kommissionierung. Anstatt klassischer Papierlisten nutzen Lagermitarbeiter mobile Datenerfassungsgeräte (MDE), um Artikel und Lagerplätze mittels Barcode oder QR-Code zu identifizieren. Dieser Prozess verbindet den physischen Warenfluss in Echtzeit mit dem digitalen Informationsfluss des Lagerverwaltungssystems (LVS).
Im Gegensatz zu statischen Systemen bietet Pick-by-Scan eine hohe Flexibilität. Es ist nicht an feste Installationen am Regal gebunden (wie Pick-by-Light), sondern an die mobile Hardware des Mitarbeiters. Für Fachportale und Entscheider ist jedoch nicht nur das "Was", sondern das "Wie" und "Wo" entscheidend – insbesondere im Hinblick auf die Immobilie und die Vertragsgestaltung in der Logistik.

Die technische Funktionsweise und Hardware-Evolution
Das Herzstück ist die Kommunikation zwischen dem MDE-Gerät und dem LVS. Die Datenübertragung erfolgt meist via WLAN oder seltener über den Mobilfunkstandard (4G/5G) in Außenbereichen.
Technologisch hat sich das Feld stark gewandelt:
- Klassische Handhelds: Robuste Geräte mit Pistolengriff und integriertem Display/Tastatur.
- Wearables & Ringscanner: Um den Nachteil der "belegten Hand" auszugleichen, setzen moderne Lager auf Ringscanner am Finger in Kombination mit Smartwatches oder Terminals am Unterarm. Dies nähert die Ergonomie dem Pick-by-Voice an.
- Smart Devices: Zunehmend kommen gehärtete Smartphones (Rugged Devices) mit Android Enterprise zum Einsatz, die via App gesteuert werden und intuitive Touch-Oberflächen bieten.
Prozessablauf: Fehlerminimierung durch Scan-Logik
Ein typischer Pick-by-Scan-Vorgang folgt einer strengen Validierungslogik, die Fehlerquoten drastisch senkt. Während papierbasierte Verfahren Fehlerquoten von 0,3 % bis 1,0 % aufweisen können, reduziert Pick-by-Scan diese oft auf unter 0,1 %.
- Auftragsanzeige: Das Display zeigt Lagerplatz, Artikelnummer und Menge an.
- Platz-Verifizierung: Der Mitarbeiter scannt den Barcode am Lagerplatz. Stimmt dieser nicht, blockiert das System (Ortskontrolle).
- Artikel-Verifizierung: Der Artikel oder die Umverpackung (EAN/GTIN) wird gescannt (Objektkontrolle).
- Mengenbestätigung: Die Entnahmemenge wird bestätigt (manuell oder durch Scannen jedes Einzelteils).
- Echtzeit-Verbuchung: Der Bestand wird im LVS sofort korrigiert. Fehlbestände fallen sofort auf, nicht erst bei der Inventur.
Pick-by-Scan in der Kontraktlogistik: Flexibilität als Trumpf
In der Kontraktlogistik, wo Dienstleister Lagerprozesse für Dritte übernehmen, ist Pick-by-Scan oft das Mittel der Wahl. Warum ist das so?
- Multi-Client-Fähigkeit: Ein MDE kann theoretisch im Minutentakt zwischen Mandanten wechseln. Die Softwaremaske passt sich an unterschiedliche Kundenanforderungen an, ohne dass die physische Infrastruktur (wie bei Pick-by-Light) umgebaut werden muss.
- Schnelle Einarbeitung: Saisonale Spitzen (z.B. Black Friday, Weihnachtsgeschäft) erfordern den Einsatz von Zeitarbeitskräften. Die visuelle Führung auf dem Display ist in wenigen Minuten erlernbar – deutlich schneller als komplexe Sprachbefehle oder das Auswendiglernen von Lagerplätzen.
- Dokumentation: Für Kontraktlogistiker ist der Nachweis der Prozessqualität essenziell. Jeder Scan erzeugt einen Zeitstempel ("Logfile"), der bei Reklamationen lückenlos belegt, wann welcher Artikel von wem gepackt wurde.
Anforderungen an die Logistikimmobilie und Halle
Ein Aspekt, der in der Planung oft unterschätzt wird, ist die Wechselwirkung zwischen Pick-by-Scan und der physischen Halle. Eine "Dumm-Halle" (nur Hülle) funktioniert für digitales Picking nicht.
- WLAN-Ausleuchtung und Shadowing Die beste Hardware nützt nichts ohne Konnektivität. Stahlregale, Mezzanine-Ebenen und flüssigkeitshaltige Waren (Getränke, Farben) absorbieren oder reflektieren Funksignale massiv.
- Planung: Vor Bezug ist eine professionelle WLAN-Simulationsmessung (Heatmap) notwendig.
- Access Points: Die Positionierung der Access Points muss die Regalgeometrie berücksichtigen. In Schmalganglägern müssen Antennen oft direkt in die Gassen strahlen ("Tunnel-Effekt").
- Stromversorgung und Lademanagement Der Einsatz von MDEs erfordert dedizierte Ladestationen (Battery Charging Cabinets). In der Immobilienplanung müssen brandschutzgerechte Bereiche (wegen Li-Ion-Akkus) mit ausreichender elektrischer Absicherung eingeplant werden, idealerweise zentral in der Nähe der Pausenräume oder der Leitstands-Büros.
- Beleuchtung und Lesbarkeit Obwohl die Displays beleuchtet sind, erfordert das schnelle Scannen von Barcodes auf unterschiedlichen Regalebenen (bis 2m Höhe beim manuellen Picken) eine homogene Hallenbeleuchtung (mind. 200 Lux in der Gasse), um Reflexionen auf Folien zu vermeiden und das Scannen zu beschleunigen.
Daten und Fakten: Wirtschaftlichkeit im Fokus
Wann lohnt sich die Investition?
- Investition: Ein robustes Industrieterminal kostet zwischen 800 € und 1.500 €. Hinzu kommen Kosten für WLAN-Infrastruktur und LVS-Lizenzen.
- ROI (Return on Investment): Durch den Wegfall von Datenerfassungszeiten (kein manuelles Abtippen von Picklisten am PC) und die Reduktion von Retouren durch Falschlieferungen amortisieren sich Systeme oft innerhalb von 12 bis 18 Monaten.
- Inventur: Die permanente Inventur wird durch Pick-by-Scan erst effizient möglich. Nulldurchgangsscans (Bestätigung, dass das Fach leer ist) halten den Bestand sauber.

Glossar / FAQ: Häufige Fragen aus der Praxis
Frage: Ist Pick-by-Scan langsamer als Pick-by-Voice?Antwort: In Umgebungen, in denen beide Hände zum Heben schwerer Lasten benötigt werden, ist Pick-by-Voice oder der Einsatz von Wearable-Scannern (Ringscanner) effizienter. Bei komplexen Artikeln, die eine visuelle Überprüfung (z.B. Seriennummernvergleich) oder Bildanzeige erfordern, ist Pick-by-Scan überlegen.
Frage: Welche Barcode-Standards sind notwendig?Antwort: Das System muss gängige 1D-Codes (EAN-128, Code 39) und zunehmend 2D-Codes (Datamatrix, QR-Code) lesen können. 2D-Codes sind robuster gegen Beschädigungen und können mehr Daten auf kleinerer Fläche speichern.
Frage: Wie steht es um die Ergonomie?Antwort: Ein häufiger Kritikpunkt ist das Gewicht der Geräte. Moderne "Android Industrial"-Geräte wiegen jedoch oft nur noch 250–300 Gramm. Ergonomische Pistolengriffe reduzieren die Belastung des Handgelenks ("RSI-Syndrom").
Fazit und Ausblick
Pick-by-Scan bleibt auf absehbare Zeit der Standard in der Lagerlogistik, besonders im E-Commerce und der Ersatzteillogistik. Die Zukunft liegt in der Verschmelzung von Technologien: Augmented Reality (Pick-by-Vision) kombiniert die Scan-Technologie mit Datenbrillen, und Kamerasysteme an Staplern scannen Paletten künftig im Vorbeifahren.
Für Betreiber und Eigentümer von Logistikimmobilien bedeutet dies: Die Halle ist nicht mehr nur Lagerfläche, sondern ein IT-Serverraum im Großformat. Eine hochwertige Datenverkabelung und flexible Stromversorgung sind so wichtig wie das Industrietor selbst.



