
Ratgeber: S
Single-Order-Picking in der Lagerlogistik
Inhaltsverzeichnis
- Definition und Funktionsweise: Die Basis der Kommissionierung
- Prozessanalyse: Der Faktor Wegzeit und Ergonomie
- Single-Order vs. Multi-Order: Eine strategische Abwägung
- Relevanz in der Kontraktlogistik: Flexibilität als Währung
- Anforderungen an die Logistikimmobilie und Hallenlayout
- Technologische Unterstützung im Single-Order-Prozess
- Häufige Fragen (Q&A) zum Single-Order-Picking
- Fazit
Definition und Funktionsweise: Die Basis der Kommissionierung
Das Single-Order-Picking (zu Deutsch: Einzelauftragskommissionierung) beschreibt ein Verfahren der Lagerlogistik, bei dem ein Kommissionierer einen einzigen Kundenauftrag vollständig abarbeitet, bevor er mit dem nächsten beginnt.
In der Praxis bedeutet dies: Ein Auftrag generiert eine Pick-Liste (digital oder analog). Der Mitarbeiter bewegt sich durch das Lager, entnimmt die Positionen dieses spezifischen Auftrags und bringt sie zur Versandzone. Es findet keine Vermischung mit anderen Aufträgen statt.
Obwohl dieses Verfahren auf den ersten Blick simpel wirkt, ist es in spezifischen Nischen unersetzbar. Es folgt meist dem Prinzip „Mann-zur-Ware“, kann aber in vollautomatisierten Systemen auch als „Ware-zum-Mann“ (z. B. an Autostore-Ports) abgebildet werden, solange der logische Prozessauftrag 1:1 bleibt.

Prozessanalyse: Der Faktor Wegzeit und Ergonomie
Um die Tiefe des Themas zu verstehen, muss man die Kommissionierzeit analysieren. Diese setzt sich zusammen aus:
- Basiszeit (Organisatorisches)
- Wegzeit (Laufen/Fahren)
- Greifzeit (Entnahme)
- Totzeit (Suchen/Kontrollieren)
Beim Single-Order-Picking ist die Wegzeit der kritischste Faktor. Studien zeigen, dass in konventionellen Lagern ohne Optimierung die Wegzeit 50 % bis 60 % der gesamten Kommissionierzeit ausmacht.
Da der Mitarbeiter für jeden Auftrag das Lager erneut durchqueren muss, entstehen bei ungünstiger Artikelverteilung enorme unproduktive Zeiten. Eine intelligente Lagerzonung (ABC-Analyse) ist daher zwingend erforderlich: Schnelldreher (A-Artikel) müssen nahe am Versand liegen, um die Wege im Single-Order-Modus kurz zu halten.
Single-Order vs. Multi-Order: Eine strategische Abwägung
Warum setzen Unternehmen noch auf Single-Order, wenn Multi-Order-Picking (das Zusammenfassen mehrerer Aufträge) wegeoptimierter ist?
- Fehlerquote: Die Fehleranfälligkeit ist beim Single-Order-Picking signifikant geringer. Da Artikel nicht nachträglich auf verschiedene Kundenaufträge sortiert werden müssen (kein zweistufiges Picking), sinkt das Risiko von Fehlverpackungen.
- Durchlaufzeit (Lead Time): Bei Eilaufträgen (z. B. Same-Day-Delivery oder Ersatzteillogistik) ist Single-Order unschlagbar. Der Auftrag wird sofort gestartet und nicht zurückgehalten, bis ein Batch (Sammelauftrag) voll ist.
- Sperrgut: Im Bereich „Large Cubes“ (Möbel, weiße Ware) verbietet sich Multi-Order oft physisch, da das Kommissioniergerät (z. B. Hubwagen) nur Platz für einen Auftrag bietet.
Relevanz in der Kontraktlogistik: Flexibilität als Währung
Für Kontraktlogistiker, die Lagerdienstleistungen für Dritte übernehmen, ist Single-Order-Picking oft das "sicherste" Einstiegsverfahren.
- Abrechnung: Die Leistung lässt sich transparent "pro Pick" oder "pro Auftrag" kalkulieren, ohne komplexe Algorithmen zur Aufteilung von Wegekosten bei Sammelaufträgen erklären zu müssen.
- Mandantenfähigkeit: In Multi-User-Centern (Hallen, in denen mehrere Kunden abgewickelt werden) erlaubt Single-Order-Picking eine klare Trennung. Ein Mitarbeiter kann flexibel zwischen Mandant A und Mandant B wechseln, indem er einfach den nächsten Einzelauftrag zieht.
- Onboarding: Die Einarbeitungszeit für Saisonkräfte ist minimal, da der Prozess (Liste abarbeiten -> Ware ablegen) intuitiv ist.
Anforderungen an die Logistikimmobilie und Hallenlayout
Aus Sicht der Logistikimmobilie stellt das Single-Order-Picking spezifische Anforderungen an die Halle, die Investoren und Projektentwickler beachten müssen:
- Gangbreiten: Da beim Single-Order-Picking oft Begegnungsverkehr herrscht (Mitarbeiter überholen sich, da sie nicht synchron getaktet sind wie bei Batch-Prozessen), sind breitere Arbeitsgänge notwendig, um Unfälle und Staus zu vermeiden.
- Kommissionier-Tunnel: In modernen Hallen werden oft Mezzanine (Zwischenebenen) eingezogen. Für Single-Order-Picking von Kleinteilen sind niedrige Geschosshöhen (ca. 2,50 m) ausreichend, was die Flächeneffizienz der Immobilie steigert.
- Versandzone: Da die Aufträge nicht konsolidiert werden müssen (keine Sortieranlage nötig), kann die Versandbereitstellungsfläche (Warenausgang) oft kleiner dimensioniert werden als bei Multi-Order-Systemen, wo Pufferflächen für die Zusammenführung benötigt werden.
- Bodenbelastbarkeit: Wird Single-Order-Picking für Schwerlast (z. B. Baustoffe) eingesetzt, muss die Bodenplatte für hohe Punktlasten durch Flurförderzeuge ausgelegt sein, da die Frequenz der Fahrten höher ist als bei gebündelten Transporten.
Technologische Unterstützung im Single-Order-Prozess
Auch wenn der Prozess linear ist, ist er selten "analog". Technologien werden eingesetzt, um die Nachteile (Wegzeit) zu minimieren und die Vorteile (Genauigkeit) zu maximieren:
- Wegeoptimierte Navigation: Das MDE (Mobile Datenerfassung) oder Tablet berechnet das „Traveling Salesman Problem“ in Echtzeit und führt den Picker auf der idealen Route durch die Gasse, damit er nicht zick-zack fährt.
- Pick-by-Voice / Pick-by-Vision: Diese Technologien sind ideal für Single-Order, da sie dem Mitarbeiter beide Hände freigeben ("Hands-free"). Die Bestätigung erfolgt per Sprache, was den Prozess flüssiger macht als das ständige Ablegen eines Handscanners.

Häufige Fragen (Q&A) zum Single-Order-Picking
Frage: Wann ist Single-Order-Picking wirtschaftlich nicht mehr tragbar?
Antwort: Sobald das Auftragsvolumen sehr hoch ist, die Artikel klein sind und die Artikelstruktur (SKUs) weit über das Lager verstreut ist. Wenn ein Mitarbeiter für drei Zahnbürsten 500 Meter laufen muss, vernichtet dies die Marge. Hier muss auf Multi-Order-Picking umgestellt werden.
Frage: Wie verhält sich die Pickleistung (Picks pro Stunde)?
Antwort: In manuellen Single-Order-Systemen liegen realistische Werte oft zwischen 60 und 150 Picks pro Stunde, abhängig von Ware und Wegstrecke. Im Vergleich dazu können Multi-Order-Systeme oft 200–400 Picks erreichen, allerdings bei höheren Investitionskosten für die Sortiertechnik.
Frage: Ist Single-Order-Picking tot?
Antwort: Nein. Im E-Commerce-Zeitalter wächst der Anteil an kleinen Bestellungen ("One-Piece-Orders"). Wenn ein Kunde nur einen Artikel bestellt, ist Single-Order-Picking (oder eine Variante davon) faktisch der einzig logische Prozess.
Fazit
Single-Order-Picking ist weit mehr als nur "einen Zettel abarbeiten". Es ist eine strategische Entscheidung, die Qualität und Geschwindigkeit über reine Masseneffizienz stellt. Für Logistikimmobilien bedeutet dies, dass Layouts flexibel genug sein müssen, um hohen Verkehrsfluss in den Gassen zu bewältigen, während Kontraktlogistiker das Verfahren wegen seiner Robustheit und geringen Fehlerquote schätzen.



