
Ratgeber: L
Lagereinrichtung im Überblick
Inhaltsverzeichnis
- Was versteht man unter Lagereinrichtung?
- Statische Lagersysteme: Das Rückgrat der Lagerhalle
- Dynamische Lagereinrichtung: Fördermittel und Materialflusstechnik
- (Q&A) Wie hängen Logistikimmobilie und Lagereinrichtung zusammen?
- (Q&A) Welche Besonderheiten gelten in der Kontraktlogistik?
- Nebengewerke: Sicherheit und Steuerung (WMS)
- (Q&A) Wann lohnt sich die Automatisierung der Lagereinrichtung?
Was versteht man unter Lagereinrichtung?
Der Begriff Lagereinrichtung (oder Lagertechnik) umfasst sämtliche ortsfesten (statischen) und mobilen (dynamischen) technischen Komponenten, die innerhalb einer Lagerhalle oder eines Distributionszentrums zur Lagerung, Pufferung, Kommissionierung und zum Transport von Gütern benötigt werden. Sie ist das "Mobiliar" der Logistikimmobilie und das zentrale Werkzeug der Lagerlogistik.
Zur Lagereinrichtung zählen im engeren Sinne:
- Regalsysteme (statisch, z.B. Palettenregale, Fachbodenregale)
- Lagerbühnen (zur Flächenmaximierung)
- Flurförderzeuge (dynamisch, z.B. Stapler, Hubwagen)
- Fördermittel (dynamisch, z.B. Förderbänder, Sorter)
- Kommissioniersysteme (z.B. Pick-by-Light-Anlagen)
Im weiteren Sinne gehören auch die IT-Hardware (Scanner, Terminals, Drucker) und die Sicherheitsausstattung (Anfahrschutz, Brandschutzanlagen) dazu. Die Lagereinrichtung definiert, wie eine Logistikimmobilie genutzt wird und wie effizient die Prozesse der Intralogistik abgebildet werden können.

Statische Lagersysteme: Das Rückgrat der Lagerhalle
Statische Systeme sind die Basis der Lagerkapazität. Ihre Auswahl hängt primär vom Lagergut (Gewicht, Abmessungen, Umschlagshäufigkeit) ab.
- Palettenregale (Hochregallager, HRL): Das gängigste System in der Lagerlogistik zur Lagerung von Europaletten oder Industriepaletten. Sie ermöglichen eine hohe Raumnutzung, insbesondere bei Hallenhöhen von 10-12 Metern (moderne Logistikimmobilien). Sie werden oft mit Schubmaststaplern bedient.
- Fachbodenregale: Das klassische "Kellerregal" in industrieller Ausführung. Dient der manuellen Lagerung von Kleinteilen, Kartonagen oder Lagerkästen (KLT). Typisch für E-Commerce-Picking-Zonen oder Ersatzteillager.
- Kragarmregale: Spezialregale zur Lagerung von Langgut (z.B. Rohre, Holzlatten, Stahlprofile). Die Last ruht auf horizontalen "Armen".
- Durchlauf- und Einschubregale (FIFO/LIFO): Diese Systeme bieten eine sehr hohe Lagerdichte.
- Durchlaufregale (FIFO - First-In, First-Out): Das Gut wird auf einer Seite eingelagert und rollt auf geneigten Bahnen zur Entnahmeseite. Ideal für Chargenverfolgung oder Pufferlager in der Produktion.
- Einschubregale (LIFO - Last-In, First-Out): Paletten werden hintereinander auf Schienen "eingeschoben". Geringere Selektivität, aber hohe Dichte.
- Lagerbühnen (Mezzanine): Eine kosteneffiziente Methode zur Verdopplung oder Verdreifachung der Lagerfläche, ohne die Grundfläche der Halle zu verändern. Oft genutzt, um leichte Kommissioniertätigkeiten (z.B. Fachbodenregale) oder Value-Added-Services (VAS) über den Haupt-Logistikflächen (z.B. Palettenlager) anzusiedeln.
Dynamische Lagereinrichtung: Fördermittel und Materialflusstechnik
Wo statische Systeme lagern, sorgen dynamische Systeme für den Materialfluss. Man unterscheidet zwischen Stetigförderern (konstanter Fluss) und Unstetigförderern (flexibler Transport).
Unstetigförderer (Flurförderzeuge, FFZ): Dies sind die "Arbeitspferde" im Lager. Die Auswahl des FFZ-Typs bestimmt maßgeblich die erforderliche Gangbreite und damit die Lagerdichte.
- Handhubwagen/Ameise: Für den horizontalen Transport auf kurzen Strecken (Be- und Entladung LKW).
- Gegengewichtsstapler (Frontstapler): Universalgerät, benötigt aber breite Gänge (ca. 3,5 - 4,0 m).
- Schubmaststapler: Standard im Palettenregallager. Kann Lasten bis zu 12 m heben und benötigt geringere Gangbreiten (ca. 2,7 - 3,0 m).
- Schmalgangstapler (VNA - Very Narrow Aisle): Ermöglichen höchste Lagerdichte, da die Gänge nur minimal breiter als die Palette sind (ca. 1,6 - 1,8 m). Die Geräte sind oft schienen- oder induktivgeführt.
Stetigförderer: Diese Systeme (z.B. Rollenbahnen, Gurtförderer, Kettenförderer) verbinden fixe Punkte im Lager (Wareneingang, Kommissionierung, Warenausgang). Sie sind das Kernstück automatisierter Anlagen und Sorter, die Tausende von Paketen pro Stunde verteilen können.
(Q&A) Wie hängen Logistikimmobilie und Lagereinrichtung zusammen?
Dies ist eine der kritischsten Schnittstellen bei der Planung eines Lagers. Die Immobilie (die "Hülle") setzt die physischen Grenzen für die Einrichtung (den "Inhalt").
Frage: Ich plane eine neue Logistikhalle. Sollte ich zuerst die Immobilie bauen oder die Lagereinrichtung planen?
Antwort: Der Idealfall in der Logistikplanung folgt dem Grundsatz "Innen vor Außen". Das bedeutet:
- Der logistische Prozess (Was wird wie oft bewegt?) definiert...
- ...die Lagereinrichtung (Welche Regale? Welche Stapler? Automatisierung?), und diese definiert...
- ...die Anforderungen an die Logistikimmobilie (Höhe, Boden, Stützenraster).
In der Praxis, insbesondere bei Mietobjekten, ist es oft umgekehrt: Eine bestehende Immobilie (Brownfield) wird angemietet, und die Lagereinrichtung muss sich den Gegebenheiten anpassen.
Kritische Faktoren der Immobilie für die Einrichtung:
- Bodenlast und Ebenheit: Die Standard-Bodenlast von 5 t/m² in modernen Hallen reicht meist für Palettenregale. Kritischer ist die Punktlast der Regalständer. Bei Schmalganglagern oder Automatiklagern (AKL) ist die Bodenebenheit (nach DIN 18202 oder DIN 15185) der entscheidende Faktor.
- Hallenhöhe (UKB): Die "Unterkante Binder" (UKB) definiert die maximal mögliche Regalhöhe. Moderne Logistikimmobilien bieten 10 m oder 12 m UKB, um 4-6 Paletten übereinander stapeln zu können.
- Stützenraster: Der Abstand der Hallenträger beeinflusst die Planung der Regalgänge. Ein ungünstiges Raster "verschenkt" wertvollen Platz.
- Brandschutz: Die Art der Sprinkleranlage (ESFR-Sprinkler vs. In-Rack-Sprinkler) muss exakt auf das Regallayout und die gelagerten Güter abgestimmt sein.
(Q&A) Welche Besonderheiten gelten in der Kontraktlogistik?
Frage: Als Kontraktlogistiker (3PL) habe ich oft wechselnde Kunden und Güter. Wie muss meine Lagereinrichtung darauf reagieren?
Antwort: Die Kernanforderung an Lagereinrichtungen in der Kontraktlogistik ist Flexibilität. Ein 3PL, der heute Autoteile und morgen Pharmaartikel lagert, kann sich selten eine hochspezialisierte, starre Anlage leisten (Ausnahme: dedizierte Standorte für Langzeitkunden).
- Modularität statt Spezialisierung: Standard-Palettenregale sind flexibler als ein fest installiertes Durchlaufregal. Lagerbühnen werden oft geschraubt (modular) und nicht geschweißt, damit sie versetzbar bleiben.
- Universelle Flurförderzeuge: Manuelle oder teilautomatisierte Systeme (z.B. Schubmaststapler) sind oft flexibler als fahrerlose Transportsysteme (FTS) oder starre Fördertechnik, die auf ein bestimmtes Ladehilfsmittel (z.B. KLT-Größe X) ausgelegt sind.
- Multi-User-Fähigkeit: Die Einrichtung (und das WMS) muss in der Lage sein, verschiedene Kunden (Mandanten) physisch und systemisch getrennt voneinander in derselben Halle abzuwickeln.

Nebengewerke: Sicherheit und Steuerung (WMS)
Eine Lagereinrichtung funktioniert nur im Zusammenspiel mit zwei weiteren Elementen: Sicherheit und Steuerung.
Sicherheitseinrichtungen: Sie sind kein "Nice-to-have", sondern gesetzlich vorgeschrieben und essenziell für den Betrieb.
- Anfahrschutz (Rammschutz): Schützt Regalständer an Ecken und Durchfahrten vor Kollisionen mit Staplern.
- Regalprüfung: Lagereinrichtungen müssen regelmäßig (i.d.R. jährlich) durch eine befähigte Person geprüft werden (gem. DIN EN 15635).
- Beleuchtung: Eine korrekte Ausleuchtung der Gänge ist entscheidend für die Pick-Qualität und Arbeitssicherheit.
- Leitsysteme: Bodenmarkierungen für Fahrwege, Fußwege und Stellplätze.
Steuerung (WMS/LVS): Die physische Lagereinrichtung ist die "Hardware". Das Lagerverwaltungssystem (LVS) oder Warehouse Management System (WMS) ist das "Gehirn". Es entscheidet, welcher Stapler wann zu welchem Regalfach fährt. Ein WMS optimiert Wegstrecken, steuert die Kommissionierung (z.B. Pick-by-Voice, Pick-by-Scan) und verwaltet die Bestände in Echtzeit. Ohne ein WMS ist eine moderne Lagerlogistik nicht denkbar.
(Q&A) Wann lohnt sich die Automatisierung der Lagereinrichtung?
Frage: Mein Lager läuft manuell mit Staplern und MDE-Scannern. Sollte ich auf ein Automatisches Kleinteilelager (AKL) oder Roboter umsteigen?
Antwort: Die Entscheidung zwischen "manuell", "teilautomatisiert" und "vollautomatisiert" ist eine der strategisch wichtigsten (und teuersten) bei der Lagereinrichtung.
Automatisierung (z.B. AKL, Shuttles, AutoStore) lohnt sich, wenn:
- Hohe, konstante Umschlagzahlen vorliegen (hoher Durchsatz).
- Standardisierte Prozesse und Ladehilfsmittel (z.B. KLTs) vorhanden sind.
- Mehrschichtbetrieb (24/7) gefahren wird (die Anlage amortisiert sich schneller).
- Hohe Fehlerfreiheit gefordert ist (z.B. Pharma).
- Akuter Fachkräftemangel (Staplerfahrer, Kommissionierer) herrscht.
Manuelle Systeme (z.B. Stapler, Fachbodenregale) sind überlegen, wenn:
- Der Durchsatz gering oder stark schwankend ist (z.B. Saisongeschäft).
- Ein breites, heterogenes Artikelspektrum gehandhabt wird.
- Hohe Flexibilität gefordert ist (z.B. Kontraktlogistik mit kurzen Vertragslaufzeiten).
- Der Investition (CAPEX) gering gehalten werden soll.
Die Automatisierung hat hohe Investitionskosten (CAPEX), senkt aber langfristig die Betriebskosten (OPEX), insbesondere Personalkosten. Manuelle Systeme sind günstig in der Anschaffung (low CAPEX), haben aber hohe laufende Betriebskosten (high OPEX).



