
Ratgeber: L
Langgutregal in der Lagerlogistik
Inhaltsverzeichnis
- Definition und Systematik: Was ist ein Langgutregal?
- Die Perspektive der Lagerlogistik: Effizienz und Handling
- Kontraktlogistik: Flexibilität und Abrechnungsmodelle
- Die Logistikimmobilie: Bauliche Anforderungen an die Halle
- Sicherheit und Vorschriften: Die DGUV 108-007
- Zahlen, Daten, Fakten: Ein Überblick
- Experten-Q&A: Häufige Fragen aus der Praxis
- Fazit für die Praxis
Definition und Systematik: Was ist ein Langgutregal?
Ein Langgutregal dient der Lagerung von Gütern, deren Länge die Standardmaße einer Europalette (1.200 mm) deutlich überschreitet. In der Praxis spricht man ab einer Länge von 2.000 mm von Langgut, wobei Systeme oft für Längen von 6.000 mm bis zu 12.000 mm ausgelegt sind.
Technisch unterscheiden wir primär zwei Bauweisen:
- Kragarmregale: Bestehend aus vertikalen Ständern und horizontal auskragenden Armen. Sie bieten eine barrierefreie horizontale Lagerung ohne störende Frontstützen.
- Wabenregale/Kassettenregale: Hier werden die Güter stirnseitig in Fächer (Waben) eingeschoben. Dies ist besonders platzsparend und schützt empfindliche Oberflächen, erfordert aber mehr Tiefe bei der Hallenplanung.

Die Perspektive der Lagerlogistik: Effizienz und Handling
In der operativen Lagerlogistik steht die Zugriffsgeschwindigkeit im Vordergrund. Während beim Kragarmregal der wahlfreie Zugriff auf jede Ebene möglich ist, erfordert die Lagerung von Profilbündeln oft spezialisierte Flurförderzeuge.
- Geräteauswahl: Standard-Gabelstapler stoßen hier an ihre Grenzen. Eingesetzt werden Vierwegestapler oder Mehrwege-Seitenstapler, die Lasten seitlich aufnehmen und in schmalen Gängen manövrieren können.
- Raumnutzungsgrad: Durch den Einsatz von Verschieberegal-Anlagen (Kragarmregale auf Schienen) kann die Lagerkapazität bei gleicher Fläche um bis zu 80 % gesteigert werden, da nur jeweils ein Arbeitsgang geöffnet werden muss.
Kontraktlogistik: Flexibilität und Abrechnungsmodelle
Für Kontraktlogistiker stellt Langgut eine Herausforderung in der Kalkulation dar. Im Gegensatz zu standardisierten Palettenstellplätzen ist die Volatilität der Bestände hoch.
- Multi-User-Fähigkeit: Langgutregale müssen oft modular sein (verstellbare Kragarme im Raster von meist 50 bis 100 mm), um auf wechselnde Kundenprodukte (z.B. von leichten Kunststoffrohren zu schweren Stahlträgern) reagieren zu können.
- Abrechnung: In der Kontraktlogistik wird oft nicht pro Stellplatz, sondern pro laufendem Meter oder pro Tonne abgerechnet. Das Langgutregal muss hier eine präzise Bestandsführung und Chargentrennung unterstützen, um Fehlkommissionierungen bei optisch ähnlichen Profilen zu vermeiden.
Die Logistikimmobilie: Bauliche Anforderungen an die Halle
Ein Langgutregal stellt extreme Anforderungen an die Infrastruktur. Ein Planungsfehler bei der Halle kann die Nutzbarkeit des Regalsystems massiv einschränken.
- Bodenbeschaffenheit: Kragarmregale verursachen enorme Punktlasten auf die Bodenplatte. Eine Bodenbelastbarkeit von 5 bis 10 Tonnen pro Quadratmeter ist oft Minimum. Zudem ist die Ebenheit nach DIN 18202 (Tabelle 3, Zeile 4) essenziell, besonders bei Schmalgang-Anwendungen.
- Stützenraster: In einer Logistikhalle für Langgut sollte das Stützenraster weit gefasst sein (z.B. 12 x 24 Meter), um die langen Transportwege der Stapler nicht durch Betonstützen zu behindern.
- Lichte Höhe: Da Langgutregale oft bis zu 10 Meter hoch bauen, ist eine Hallenhöhe (UKB) von mindestens 12 Metern ideal, um auch die nötigen Sicherheitsabstände zur Sprinkleranlage einzuhalten.
Sicherheit und Vorschriften: Die DGUV 108-007
Langgutregale unterliegen strengen Sicherheitsauflagen. Da die Lasten oft einseitig hängen, ist die Statik komplexer als bei Palettenregalen.
- Regalprüfung: Gemäß DIN EN 15635 müssen Langgutregale mindestens alle 12 Monate von einer befähigten Person geprüft werden.
- Belastungsschilder: Jedes Regal muss zwingend Schilder tragen, die die maximale Traglast pro Arm und pro Ständer ausweisen.
- Absturzsicherung: An den Enden der Kragarme sind meist Abrollsicherungen (Steckbolzen oder feste Anschläge) vorgeschrieben, um ein Herabfallen der Rundmaterialien zu verhindern.
| Parameter | Typische Werte (Kragarmregal) |
| Armlänge | 400 mm bis 2.500 mm |
| Traglast pro Arm | 200 kg bis über 5.000 kg |
| Ständerhöhe | 2.000 mm bis 12.000 mm |
| Achsabstand | Meist 1.000 mm, 1.250 mm oder 1.500 mm |
| Material | Warmgewalzte IPE-Profile (für Schwerlast) |

Experten-Q&A: Häufige Fragen aus der Praxis
Frage: Kann ich ein Langgutregal auch im Außenbereich aufstellen?
Antwort: Ja, aber dies erfordert eine Feuerverzinkung der Bauteile. Zudem muss die Statik Wind- und Schneelasten berücksichtigen. Oft werden Kragarmregale im Außenbereich mit einer Dachkonstruktion versehen, wobei das Regal selbst als tragende Struktur für das Dach fungiert.
Frage: Was ist der größte Fehler bei der Planung?
Antwort: Die Unterschätzung des Schwenkbereichs. Langgut muss beim Ein- und Auslagern oft gedreht werden. Die Gangbreite muss daher nicht nur die Staplerbreite plus Lasttiefe berücksichtigen, sondern auch den Manövrierraum für die gesamte Länge des Gutes.
Frage: Lohnt sich eine Automatisierung bei Langgut?
Antwort: In Hochleistungszentren (z.B. Stahlhandel) sind automatische Kassettenlager der Standard. Sie minimieren Beschädigungen und nutzen die Hallenhöhe bis auf den letzten Zentimeter aus, sind aber in der Anschaffung um den Faktor 5 bis 10 teurer als manuelle Kragarmregale.
Fazit für die Praxis
Das Langgutregal ist weit mehr als nur ein "Gestell für Rohre". Es ist ein hochspezialisiertes Logistikinstrument, das eine synergetische Planung von Regalequipment, Flurförderzeug und Immobilienstruktur erfordert. Wer hier an der Bodenplatte oder der Gangbreite spart, zahlt später durch ineffiziente Prozesse und Sicherheitsrisiken drauf. Für Fachplaner gilt: Erst die Last und das Handling definieren, dann die Halle drumherum bauen oder suchen.



