
Ratgeber: B
Breitgangregal in der Lagerlogistik
Inhaltsverzeichnis
- Das Breitgangregal: Definition und technisches Fundament
- Anforderungen an die Logistikimmobilie und die Halle
- Die Rolle in der Kontraktlogistik: Flexibilität als Asset
- Flurförderzeuge: Das Zusammenspiel von Gangbreite und Gerät
- Wirtschaftlichkeit: Zahlen, Daten und Fakten
- Sicherheit und Arbeitsschutz im Fokus
- Vergleich: Breitgang vs. Schmalgang – Eine strategische Entscheidung
- FAQ – Tiefgehende Einblicke für die Praxis
- Fazit für Entscheider
Das Breitgangregal: Definition und technisches Fundament
Das Breitgangregal ist eine Form des Palettenregals, bei dem die Arbeitsgangbreite (AST) so dimensioniert ist, dass herkömmliche Flurförderzeuge – wie Gegengewichtsstapler oder Schubmaststapler – problemlos manövrieren, ein- und auslagern können. Im Gegensatz zum Schmalgangregal benötigen die Geräte hier keine mechanische oder induktive Spurführung.
Technisch gesehen besteht das System aus vertikalen Rahmen und horizontalen Traversen. Die Dimensionierung erfolgt nach der DIN EN 15512. Ein entscheidendes Merkmal ist der wahlfreie Zugriff: Jede einzelne Palette ist jederzeit direkt erreichbar, was das Breitgangregal zum idealen System für eine hohe Artikeldiversität macht.

Anforderungen an die Logistikimmobilie und die Halle
Beim Bau oder der Anmietung einer Logistikimmobilie für Breitgangsysteme müssen spezifische bauliche Parameter berücksichtigt werden:
- Bodenbeschaffenheit: Obwohl die Anforderungen geringer sind als im Schmalgang (wo VDMA-Richtlinien für Ebenheit extrem streng sind), müssen die Punktlasten der Regalstützen abgefangen werden. In der Regel wird eine Bodenbelastbarkeit von 5 bis 10 Tonnen pro Quadratmeter angesetzt.
- Hallenhöhe: Breitgangläger nutzen oft Nutzhöhen (UKB) von 10 bis 12 Metern. Höhere Konstruktionen sind technisch möglich, werden jedoch durch die Hubhöhe der gängigen Schubmaststapler (oft bis max. 13 Meter) limitiert.
- Beleuchtung und Brandschutz: Die Anordnung der Regale muss mit der Dachbelichtung und den Sprinklerköpfen korrespondieren. In Breitganglägern kommen oft ESFR-Sprinkler (Early Suppression Fast Response) zum Einsatz, da der Freiraum zwischen den Regalen eine gute Löschwasserverteilung ermöglicht.
Die Rolle in der Kontraktlogistik: Flexibilität als Asset
In der Kontraktlogistik ist die Planbarkeit oft durch kurze Vertragslaufzeiten begrenzt. Hier spielt das Breitgangregal seine größte Stärke aus: Skalierbarkeit.
Da die Gänge breit genug für Standardgeräte sind (typischerweise zwischen 3,30 m und 4,50 m), kann der Logistikdienstleister seinen Fuhrpark flexibel einsetzen. Muss ein Bereich für ein neues Kundenprojekt schnell umgerüstet werden, lassen sich Traversenhöhen mit minimalem Aufwand verstellen. Das System unterstützt zudem problemlos verschiedene Ladungsträger – von der Euro-Palette (800 x 1200 mm) über die Industrie-Palette (1000 x 1200 mm) bis hin zu Gitterboxen.
Flurförderzeuge: Das Zusammenspiel von Gangbreite und Gerät
Die Effizienz eines Breitganglagers steht und fällt mit der Wahl der Stapler.
- Frontstapler: Benötigen die größte Gangbreite (ca. 4,0 - 4,5 m), bieten aber eine hohe Umschlagleistung beim Be- und Entladen von LKW.
- Schubmaststapler: Reduzieren die benötigte Gangbreite auf ca. 2,80 bis 3,20 m. Dies erhöht die Lagerdichte bei gleichbleibender Flexibilität erheblich.
Ein Praxiswert: Durch den Einsatz von Schubmaststaplern statt Frontstaplern lässt sich die Lagerkapazität auf der gleichen Grundfläche um bis zu 20-25% steigern.
Wirtschaftlichkeit: Zahlen, Daten und Fakten
Betrachtet man die Total Cost of Ownership (TCO), ist das Breitgangregal unschlagbar bei den Investitionskosten pro Stellplatz.
| Parameter | Richtwert / Kennzahl |
| Investitionskosten | ca. 40€ – 80€ pro Palettenstellplatz (rein regaltechnisch) |
| Flächennutzungsgrad | ca. 35% – 45% (Verhältnis Lagerfläche zu Gesamtfläche) |
| Zugriffsgeschwindigkeit | Hoch (100% Zugriff auf alle SKUs) |
| Wartungskosten | Gering (jährliche Regalprüfung nach DGUV 108-007) |
Im Vergleich dazu liegen die Kosten in einem automatisierten Hochregallager oft beim Fünf- bis Zehnfachen pro Stellplatz, erfordern jedoch deutlich weniger Personal und Fläche.
Sicherheit und Arbeitsschutz im Fokus
Trotz der großzügigen Platzverhältnisse ist das Breitganglager ein Gefahrenbereich. Die DGUV Regel 108-007 (ehemals BGR 234) schreibt klare Schutzmaßnahmen vor:
- Anfahrschutz: An allen Eckpfosten und Durchfahrten ist ein gelb-schwarzer Anfahrschutz von mindestens 400 mm Höhe zwingend erforderlich.
- Durchschubsicherungen: Wenn Paletten weniger als 100 mm Abstand zueinander haben (Rücken an Rücken), müssen Sicherungen ein Herunterfallen in den Nachbargang verhindern.
- Kennzeichnung: Jedes Regal muss ein Belastungsschild tragen, das die maximalen Fach- und Feldlasten ausweist.
Vergleich: Breitgang vs. Schmalgang – Eine strategische Entscheidung
Wann sollte man sich gegen den Breitgang entscheiden?
- Grundstückspreise: Bei extrem hohen Grundstückskosten zwingt der Flächennutzungsgrad zum Schmalgang oder Hochregallager.
- Durchsatz: Wenn die reine Palettenbewegung pro Stunde massiv gesteigert werden muss, bieten automatisierte Systeme Vorteile.
- Personalverfügbarkeit: Breitgangläger sind personalintensiv. In Regionen mit akutem Fachkräftemangel verschiebt sich die Rechnung pro Automatisierung.
Für die meisten Standardanwendungen in der Distribution bleibt das Breitgangregal jedoch aufgrund der geringen Barrieren beim Markteintritt die erste Wahl.

FAQ – Tiefgehende Einblicke für die Praxis
Frage: Wie berechnet man die optimale Gangbreite exakt?
Antwort: Die Formel lautet:
AST = Wa + ((l6 - x)2 + (b12/2)2)0.5 + a
für den Sicherheitsabstand (nach VDI 2198 meist 200 mm).
Frage: Können Breitgangregale in Erdbebengebieten eingesetzt werden?
Antwort: Ja, jedoch müssen die Rahmenprofile und Bodenverankerungen gemäß DIN EN 16681 verstärkt werden. Dies erhöht die Stahltonnage und damit den Preis pro Stellplatz um ca. 15-30%.
Frage: Ist ein Breitganglager für FIFO (First-In-First-Out) geeignet?
Antwort: Absolut. Da jeder Platz direkt zugänglich ist, lässt sich jede beliebige Lagerstrategie (FIFO, LIFO, FEFO) rein softwareseitig über das Warehouse Management System (WMS) steuern, ohne die Hardware umbauen zu müssen.
Fazit für Entscheider
Das Breitgangregal ist weit mehr als nur "Stahl in der Halle". Es ist eine strategische Entscheidung für maximale operative Freiheit. Für Logistikimmobilienentwickler bietet es die beste Drittverwendungsfähigkeit, für Kontraktlogistiker die geringsten finanziellen Risiken und für Lagerleiter die höchste Transparenz. Wer eine robuste, wartungsarme und hochflexible Lösung sucht, kommt am Breitgangsystem nicht vorbei.



