
Autonome Hochregalstapler ohne Schutzzäune: Sicherer Mischbetrieb in modernen Lagern
Die Vision eines vollautomatisierten Lagers, in dem Mensch und Maschine nahtlos und sicher ohne trennende Schutzzäune zusammenarbeiten, ist keine Zukunftsmusik mehr. Moderne autonome Hochregalstapler machen es möglich. Doch wie funktioniert ein solcher "Mischbetrieb" in der Praxis? Welche technologischen und organisatorischen Hürden müssen genommen werden? Und wer sind die Pioniere, die solche Systeme bereits erfolgreich implementieren? Dieser Beitrag taucht tief in die faszinierende Welt des zaunlosen autonomen Staplerbetriebs ein und liefert die Antworten.
Die Revolution im Lager: Was bedeutet "autonomer Betrieb ohne Schutzzaun"?
Stellen Sie sich ein Hochregallager vor, in dem manuelle Gabelstapler und Fußgänger ihre Wege kreuzen, während gleichzeitig fahrerlose Hochregalstapler (FTS) wie von Geisterhand Paletten in bis zu 13 Metern Höhe ein- und auslagern. Was vor wenigen Jahren noch undenkbar schien, wird heute Realität. Der autonome Betrieb ohne Schutzzaun beschreibt genau dieses Szenario: die Fähigkeit von fahrerlosen Transportsystemen, sich in einer bestehenden, dynamischen Lagerumgebung sicher zu bewegen, ohne dass permanente physische Barrieren wie Zäune oder Lichtschranken zur Trennung von Mensch und Maschine notwendig sind. Stattdessen basiert die Sicherheit auf einer intelligenten Kombination aus modernster Sensortechnologie direkt am Fahrzeug und klaren organisatorischen Regeln.
Mythos oder Realität: Ist der alleinige Einsatz von PSA ausreichend?
Eine häufige Frage in diesem Zusammenhang ist, ob für die Mitarbeiter die persönliche Schutzausrüstung (PSA), wie Sicherheitsschuhe und Warnwesten, als alleinige Schutzmaßnahme ausreicht. Die Antwort ist ein klares Nein. Die PSA ist und bleibt eine grundlegende Anforderung in jeder Logistikumgebung, sie ist jedoch nur das letzte Glied in der Sicherheitskette. Die eigentliche Revolution liegt in der Technologie der autonomen Fahrzeuge selbst. Diese sind mit einer ausgeklügelten 360°-Sicherheitssensorik ausgestattet, die ihr Umfeld permanent überwacht. So können die Fahrzeuge proaktiv auf unvorhergesehene Hindernisse – sei es ein Mitarbeiter, ein anderer Stapler oder eine vergessene Palette – reagieren, ihre Geschwindigkeit anpassen und notfalls bis zum sicheren Stillstand abbremsen.
Das Herzstück der Sicherheit: Wie funktioniert die 360°-Sensorik?
Moderne autonome Hochregalstapler, wie der EKX 516a von Jungheinrich, nutzen eine Kombination aus verschiedenen Sensortechnologien, um eine lückenlose Sicherheitsabdeckung zu gewährleisten. Dazu gehören:
- Personenschutzscanner: Diese Laserscanner sind an strategischen Positionen am Fahrzeug angebracht und tasten die Umgebung permanent horizontal ab. Sie erstellen ein detailliertes 2D-Bild des Fahrwegs und erkennen Hindernisse zuverlässig.
- 3D-Kameras: Sie ergänzen die Laserscanner, indem sie den Raum auch in der Vertikalen erfassen. So können beispielsweise auch überstehende Lasten oder Hindernisse, die sich nicht auf dem Boden befinden, erkannt werden.
- Sensorfusion: Die eigentliche Intelligenz liegt in der Verknüpfung der Daten aller Sensoren. Ein zentraler Rechner analysiert die Informationen in Echtzeit und erstellt ein dynamisches Modell der Umgebung. Dadurch kann das Fahrzeug nicht nur auf statische Hindernisse, sondern auch auf sich bewegende Objekte vorausschauend reagieren.
Diese Systeme definieren Warn- und Schutzfelder um den Stapler, die sich je nach Geschwindigkeit dynamisch anpassen. Nähert sich eine Person, wird zunächst eine Warnung ausgelöst und die Geschwindigkeit reduziert. Betritt die Person das engere Schutzfeld, leitet der Stapler eine sichere Bremsung ein, lange bevor es zu einer kritischen Situation kommen kann.

Die rechtlichen Rahmenbedingungen: Was sagt der Gesetzgeber?
Der Betrieb von autonomen Flurförderzeugen im Mischbetrieb ist in Deutschland klar geregelt. Eine zentrale Rolle spielt die Betriebssicherheitsverordnung (BetrSichV) in Verbindung mit den Vorschriften der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV), insbesondere der DGUV Vorschrift 68 "Flurförderzeuge". Eine entscheidende Voraussetzung für den zaunlosen Betrieb ist eine umfassende Gefährdungsbeurteilung. In dieser muss der Betreiber nachweisen, dass durch die eingesetzte Technologie und zusätzliche organisatorische Maßnahmen mindestens das gleiche Sicherheitsniveau erreicht wird wie bei einer physischen Trennung. Eine Zertifizierung der Fahrzeuge durch unabhängige Prüforganisationen wie den TÜV, die die Konformität mit relevanten Normen wie der EN ISO 3691-4 bestätigt, ist hierbei ein wesentlicher Baustein.
Organisatorische Voraussetzungen: Mehr als nur Technik
Die beste Technologie kann nur so gut sein wie die Organisation, in die sie eingebettet ist. Für einen sicheren Mischbetrieb sind klare Verhaltensregeln und Prozesse unerlässlich:
- Schulung der Mitarbeiter: Alle Mitarbeiter, die sich im Aktionsradius der autonomen Stapler aufhalten, müssen intensiv geschult werden. Sie müssen die Funktionsweise, die Fahrwege und die Signale der Fahrzeuge verstehen. Wichtige Regeln sind beispielsweise, die Fahrwege freizuhalten und niemals unerwartet direkt vor einem FTS aufzutauchen.
- Definierte Verkehrswege: Auch ohne Zäune müssen die Hauptfahrwege der autonomen Stapler klar definiert und gekennzeichnet sein.
- Angepasste Prozesse: Übergabestationen für Paletten müssen so gestaltet sein, dass Mensch und Maschine sicher interagieren können. Dies kann durch definierte Zonen oder intelligente Rufsysteme geschehen.
- Regelmäßige Wartung: Die Sicherheitssensorik und die gesamte Fahrzeugtechnik müssen regelmäßig von qualifiziertem Personal gewartet und geprüft werden, um eine dauerhaft zuverlässige Funktion zu gewährleisten.
Wer kann es? Das Beispiel Jungheinrich
Einer der Vorreiter auf dem Gebiet der autonomen Hochregalstapler für den zaunlosen Betrieb ist das Hamburger Unternehmen Jungheinrich. Mit dem Schmalgangstapler EKX 516a bietet das Unternehmen ein Serienfahrzeug an, das für den autonomen Einsatz im Mischbetrieb konzipiert wurde. Dieser Stapler kann Lasten bis zu 1.600 kg in Höhen von bis zu 13 Metern bewegen und erreicht dabei Geschwindigkeiten von bis zu 12 km/h. Die Basis bilden bewährte Serienfahrzeuge, die mit Automatikkomponenten, Navigationsintelligenz und der bereits beschriebenen umfassenden Sicherheitssensorik ergänzt werden. Erfolgreiche Projekte, wie bei dem Logistikdienstleister DSV in Norwegen, wo neun EKX 516a in einem vollautomatisierten Lager mit 35.000 Stellplätzen zum Einsatz kommen, belegen die Praxistauglichkeit des Konzepts.
Die Vorteile auf einen Blick: Effizienz, Flexibilität und Sicherheit
Der Umstieg auf einen autonomen, zaunlosen Staplerbetrieb bietet Unternehmen handfeste Vorteile:
- Gesteigerte Effizienz: Autonome Stapler können rund um die Uhr eingesetzt werden, arbeiten mit gleichbleibend hoher Präzision und optimieren die Fahrwege selbstständig. Das führt zu einem höheren Warendurchsatz und reduziert Fehlerquoten.
- Maximale Flexibilität: Im Gegensatz zu fest installierter Fördertechnik oder eingezäunten Automatikbereichen bleibt das Lagerlayout flexibel. Auf veränderte Prozesse oder saisonale Spitzen kann schnell reagiert werden, indem Fahrwege einfach per Software angepasst werden.
- Erhöhte Sicherheit: Auch wenn es paradox klingen mag, kann die Automatisierung die Sicherheit im Lager erhöhen. Menschliches Fehlverhalten als Unfallursache wird reduziert. Die permanent wachsamen Sensoren der autonomen Fahrzeuge reagieren oft schneller und zuverlässiger als ein menschlicher Fahrer.
- Platzersparnis: Der Verzicht auf raumgreifende Schutzzäune und Pufferzonen ermöglicht eine deutlich effizientere Nutzung der vorhandenen Lagerfläche.
Fazit: Ein strategischer Schritt in die Zukunft der Intralogistik
Der autonome Hochregalstaplerbetrieb ohne physische Absperrungen ist mehr als nur eine technologische Spielerei. Er ist ein strategischer Baustein für Unternehmen, die ihre Intralogistik zukunftsfähig, effizienter und sicherer gestalten wollen. Die Technologie, angeführt von Unternehmen wie Jungheinrich, ist ausgereift und praxiserprobt. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in einer ganzheitlichen Betrachtung, die eine sorgfältige Planung, eine umfassende Gefährdungsbeurteilung und die nahtlose Integration von modernster Fahrzeugtechnologie und klaren organisatorischen Prozessen umfasst. Die Frage ist also nicht mehr, ob sich der zaunlose Mischbetrieb durchsetzen wird, sondern wann er zum neuen Standard in unseren Hochregallagern wird.
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